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Handball-Deutschland im Finale - trotzdem regiert Fußball die Welt

Ein Satz ist von jetzt an verboten: Es ist doch nur ein Spiel.
Dieser Satz ist immer falsch. Der Fußballfan erlebt freitags, samstags, sonntags und montags, wenn die Ligen spielen, dienstags, mittwochs und donnerstags, wenn die Europapokale laufen, das Gegenteil. Er hält den Atem an, wenn der Ball auf die Eckfahne zurollt und ungewiss ist, ob er sie links oder rechts passiert. Weil es einen Unterschied macht, einen verdammt großen Unterschied, ob es Ecke gibt oder Einwurf.
„Ist doch egal“ ist kein Satz aus der Fußballwelt. Es ist nie egal, in jeder Situation liegt der Kern von Triumph oder Depression. Sieg oder Niederlage entscheiden für den Fußballfan, welcher Mensch er ist, ein fröhlicher, umgänglicher oder ein grimmer, unleidlicher. Ein Spiel, das so stark über Befindlichkeiten herrscht, ist nicht nur ein Spiel, es ist eine Macht. Da diese Macht weltweit herrscht, ist Fußball eine Weltmacht.
Es gibt noch ein paar andere Weltmächte. Politisch sind es die USA, und ansonsten sind es Firmen, die in den USA beheimatet sind: McDonalds, Coca-Cola, Hollywood, Microsoft und Google. Nichts gegen die USA, aber wir können uns glücklich schätzen, dass es wenigstens eine Weltmacht gibt, die Globalisierung nicht als amerikanisches Projekt betreibt.
Fußball, das sind Old Europe und New Europe, das ist Brasilien plus der Rest von Lateinamerika, das ist Afrika, Asien, Australien, das sind die USA, das ist die islamische Welt. Eine WM ist immer auch ein Fest der Globalisierung, einer besseren, als wir sie sonst erleben. Die Welt trifft sich zum herrschaftsfreien Diskurs. Fußball ist ein Spiel für eine gerechte Weltordnung.
Ein Spiel, aber nicht nur. Wenn eine WM so gelingt wie letztes Jahr bei uns, wenn Terror ausbleibt und der Iran friedlich mitspielt, wenn die Hooligans in Schach gehalten werden und Doping keine Rolle spielt, wenn es einfach ein fröhliches, riesiges Fest ist, ist das Auseinanderdriften der Welt ein wenig aufgehalten. Ein wenig ist viel, so wie die Lage derzeit ist.
Diese Macht des Fußballs ist überraschend, denn das Spiel ist nur noch ein Überlebender, ist durch tausend Feuer gegangen, wurde missbraucht und versehrt – und überstrahlt dennoch jeden anderen Sport. Der Fußball hat die gnadenlose Kommerzialisierung überlegt, die Explosion der Ablösesummen und Gehälter, die Dominanz der Sponsoren, die sich in den Stadien immer breiter machen. Der Fußball hat die Geltungssucht von Tycoonen wie Berlusconi oder Abramovitsch überlebt, die Vereine in Spielzeuge verwandeln. Der Fußball hat die Flatterhaftigkeit der Spieler überlebt, die heute ein rotes und morgen ein blaues Trikot überstreifen und von der Identifikation ihrer Fans nichts zurückgeben können. Der Fußball hat überlebt, dass seine Akteure mehr und mehr zu Kraftmenschen werden, die sich nach strengen Mustern auf Ball und Gegner stürzen. Der Fußball hat sogar das Dosenpfand überlebt: Es liegen nicht mehr genug Dosen herum, an denen der Nachwuchs die Schusstechnik üben kann.
All das wird verkraftet. Wenn der Spieltag gekommen ist, wenn das Stadion ächzt und brüllt wie ein Tier, wenn der Ball rollt, sind die üblen Geschichten vergessen. Der aufgeklärte Fußballfan kann sich hundert Gründe sagen, warum er beim Anpfiff nicht ins Fieber fallen soll, warum es nun reicht und nicht mehr mit ihm, nie wieder – und fällt ins Fieber. Nach fünf Minuten ist er an das Spiel verloren, auch wenn es schlecht ist, er schimpft und hasst, doch im nächsten Moment ist es wieder Liebe, große Liebe für einen Spieler, eine Mannschaft.
Es gibt viele Erklärungen dafür, dass ausgerechnet dieses Spiel so viel Leidenschaft in aller Welt auslöst. Fußball ist ein Spiel für alle. Die Kleinen haben ein Vorbild an Philipp Lahm oder Roberto Carlos, die Langen an Lúcio oder Luca Toni, die Dicken an Ronaldo, die Wortgewandten an Lukas Podolski. Größere Intelligenz ist weder nötig noch schädlich.
Fußball kann überall gespielt werden, in jedem Land. Es reicht eine freie Fläche und ein paar ineinander gewickelte Socken oder eine Dose. Es ist also leicht, Fußball zu spielen, aber warum schauen so viele zu? Zum einen, weil sie selbst spielen oder gespielt haben. Zum anderen hat es mit Räumen zu tun, mit Verdichtung und Öffnung. Es ist diese spezielle Mischung aus Gewühl und Befreiung, die es nur auf großen Spielfeldern gibt.
Man mag den Fußball auch für das Gedribbel und Gegrätsche, aber die großen, erhabenen Momente sind die langen Läufe und Pässe, die das Spiel öffnen. Nur im Fußball kann man aus der Tiefe des Raumes kommen. In keinem anderen Mannschaftssport gibt es eine solche Vielfalt an Spieloptionen.
Fußball ist dem Leben näher als Basketball oder Handball, wo das Spiel aus der sturen Konfrontation aus Angriff und Abwehr besteht. Beim Fußball gibt es ein Mittelfeldspiel, und das Mittelfeld ist der Ort des Lebens. Aus dem Mittelfeld heraus entwickeln sich Sieg und Niederlage, Triumph und Depression, im Mittelfeld droht das Leben zu versacken, im Mittelfeld verbringt man wartend seine Zeit, gleichsam mit müßigem Ballgeschiebe, bis sich vielleicht doch eine Chance ergibt. Aber Tore sind selten, im Leben wie im Fußball.
Natürlich sitzt nicht jeder im Stadion und erkennt dort ein Gleichnis für seinen Alltag. Man kann es auch so sehen: Bier, Wurst, was zu gucken haben, mit 50000 anderen tüchtig brüllen - das macht immer einen guten Nachmittag.
1.2.07 20:52
 


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