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Garfield ist doof

Fett, faul, mäßig lustig: Nicht ohne Grund war die Katze "Garfield" fast aus der Comic-Szene verschwunden. Bis der Zeichner Dan Walsh den Kult-Kater einfach aus den Strips herausretuschierte - und durch das Experiment eine erstaunlich komische Form des Genres schuf.
"Garfield" ist vermutlich der uninteressanteste populäre Comicstrip der Welt. Was hauptsächlich an seiner Titelfigur liegt. Anders als beim ewig agilen Snoopy mit seinen tausend Gesichtern und Rollen oder beim psychologisch unergründlichen Stofftiger Hobbes aus "Calvin & Hobbes" endet Garfields weltanschaulicher Horizont an der Kante seines Katzenkorbes.
Entsprechend gering sind die Pointenvariationen, die sich hauptsächlich um Essen, Faulsein und das Ärgern von Herrchen Jon drehen: "Wenn diese Schnur etwas länger wäre, könnte ich Jon fesseln und den Kühlschrank leerräumen!" Welterkenntnis à la Garfield? "Kaum zu glauben, dass du deine Socken verlieren konntest, nachdem du sie angezogen hast."
Unter dem Aspekt der Pointe scheint der Kater also die verzichtbarste Figur zu sein - in seinem eigenen Comicstrip. Dass ihr Verlust sogar ein Gewinn ist, kann man jetzt in "Garfield minus Garfield", einer Sammlung ehemaliger "Garfield"-Comicstrips, nachlesen. Aus ihnen wurde der mäßig komische Kater einfach herausretuschiert.
Das Ergebnis der Retusche ist ein Comicstrip über Garfields Herrchen Jon - und das verstörende Porträt eines Single-Lebens in den amerikanischen Suburbs. "Hattest du je das Gefühl, eine ganze Menge zu verpassen", fragt Jon den Leser. Wo im Original Garfields leidlich sarkastische Antwort ("Ja. Ist das schlimm?") den Strip zwangspointiert, sind in der neuen Fassung nur zwei Panels mit dem ins Nichts stierenden Jon zu sehen. Keine Erlösung durch dumme Antworten. Nur Leere. 
Leere ist überhaupt die alles dominierende Botschaft der "Garfield minus Garfield"-Strips. Da die Originale aus jeweils drei Bildern bestehen und Garfield die Hauptrolle in der Reihe innehat, bedeutet dies für die neuen Versionen, dass in vielen Panels nach der Retusche gar nichts mehr zu sehen ist. Jon, der sich Maiskolben in Mund und Ohren steckt. Und dann: nichts. Jon, der fragt "Wie ist der Salat?" Und dann: nichts.
Wäre der Slogan nicht schon für die US-Comedy-Serie "Seinfeld" besetzt, man könnte "Garfield minus Garfield" als den "Strip über Nichts" bezeichnen. Und in der Häufung - inzwischen existieren mehrere hundert der Experimentalcomics - ist diese Sammlung von alltäglichen Nicht-Erlebnissen eines Singles, der mit sich selbst und dem Essen redet, um seine Einsamkeit zu überbrücken, auf anrührende, paradoxe Art komisch. "Lebend kriegt ihr mich nicht!", brüllt er zur Tür hinaus und geht zurück in seine leere Wohnung.
Erfunden hat die Depri-Strips Dan Walsh. Von Januar des Jahres 2008 an bloggte der damals 32-jährige Ire seine "Garfield"-Retuschen. Selbst nur drei Jahre älter als die Figur, die er da mit Leidenschaft ausradierte, war Walsh als Kind Fan des Katzenstrips gewesen. Doch als Erwachsener musste er erkennen, dass sein Leben sich eher in Richtung Jon als in Richtung Garfield bewegte: "Ich saß dann in meinem Apartment und fand immer originellere Wege mich zu beschäftigen, ohne meinen Gehaltsscheck zu sprengen: schlechte Filme schauen, viel Kaffee trinken, katastrophale Annäherungsversuche an Mädchen starten", schreibt er im Vorwort zur Buchausgabe seiner Strips. "Tatsächlich ähnelte mein Leben sehr dem eines gewissen Mr. Jon Arbuckle". 
Was als Therapie gegen den inneren Jon begann, entwickelte sich sehr schnell zu einem großen Internet-Erfolg. Bereits Ende Februar 2008 verzeichnete Walshs garfieldfreies Picture-Blog 300.000 tägliche Besucher, zwei Monate später eine halbe Million. Inzwischen hat der Jon-Comicstrip eine eigene Internet-Seite. "Er erinnert mich so sehr an mich", schrieb ein Besucher über den einsamen Jon, es sei, "als würde man in den Spiegel sehen," fügte ein anderer hinzu.
Auch Jim Davis, der den orangefarbenen Kater 1978 erfunden und zu einer weltweit vermarkteten Figur mit mehreren TV-Serien, Kinofilmen und Merchandising ausgebaut hat, mag "Garfield minus Garfield". "Einige der Strips waren Volltreffer", lobte er in der "Washington Post" und gab zu, dass auch er einiges hätte weglassen können: "Wäre witziger gewesen." 
Nun erscheint die Buchausgabe, die 90 der inzwischen weit über hundert Walsh-Comics enthält. Sie ist haargenau so aufgemacht wie die offizielle amerikanische Ausgabe der "Garfield"-Strips -mit offizieller Genehmigung von Davis. Und sogar mit dessen Beteiligung: Für den Anhang hat Davis selbst 24 eigene "Garfield minus Garfield"-Comics entworfen. 
David Walsh hat währenddessen sein Jon-Leben hinter sich gelassen. Zwar bloggt er weiterhin neue garfieldlose Comics. Laut Klappentext allerdings hat er aber inzwischen eine Verlobte und zwei Haustiere. Nein, keine Katzen, sondern Hamster.

Gefunden auf Spiegel Online. Die Seite ist hier zu finden.

Grüße, ich.

10.3.09 17:35
 


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